Sonntag, 10. Februar 2013

Leseprobe: "Tom" - eine Kurzgeschichte von Laura Delic

Auf der Facebook-Seite der jungen Autorin Laura Delic habe ich eine wunderschöne Kurzgeschichte entdeckt, besser gesagt, ist es eine Kurzgeschichte aus dem Gesamtwerk "Wenn Traumfänger versagen - Albträume einer jungen Frau" von Laura, welches aus unterschiedlichen Kurzgeschichten besteht und voraussichtlich im Dezember 2013 erscheinen wird.

Ich habe die Autorin gefragt und ich darf die Geschichte sogar hier posten! Vielen Dank, liebe Laura!

Mich hat diese Geschichte sehr berührt. Sie ist aus der kindlichen Sicht geschrieben und traurig und schön zugleich.

Ich liebe den Schreibstil der Autorin und bis jetzt hat sie mein Herz immer zum Schmelzen gebracht!

Aber überzeugen Sie sich am besten selbst und, wenn Sie mögen, hinterlassen Sie einen Kommentar auf der Facebook-Seite von Laura Delic "Fleur de Lis - die Buchreihe". Sie freut sich ganz bestimmt über Ihr Feedback!

Und nun, lassen Sie sich verzaubern von der Kurzgeschichte "Tom":




TOM



Teil 1


Er stand auf einem alten Holzhocker und strich die Wand grau an.
Seine Arme waren schon ganz taub von der eintönigen Bewegung des Pinsels.
Die Decke war nicht besonders hoch, also zog er seinen Kopf etwas ein um sich nicht an ihr zu stoßen.
Ich ging hinüber zum Hasenkäfig, darin saßen die zwei Zwergkaninchen aus dem letzten Wurf. Wir lebten auf einem bescheidenen Bauernhof und hatten nur das, was wir selbst anbauten oder uns leisten konnten.
Die Hasen waren noch klein und sehr sehr niedlich, denn wie es für Geschwister üblich war, wich keins dem anderen von der Seite. Ich liebte sie aus vollstem Herzen, obwohl sie nicht so waren wie du und ich, denn es sind nur Tiere, die eines Tages auf dem Teller landen, doch manchmal waren sie meine einzig wahren Freunde, die ich noch hatte, denn in unserem Dorf waren viele Menschen erkrankt und man hatte nicht mehr geschafft sie zu heilen.
Wir können froh sein, dass es aus unserer Familie keinen traf und die Krankheitswelle weiter zog und unser Dorf in Frieden weiter machen ließ.
Ich nahm die Hasen, aber eigentlich sind es ja Kaninchen, auf den Arm und trug sie hinaus auf das Feld zum fressen. Sie wuchsen schnell und wurden dicker und dicker. Bei diesem Anblick wurde ich traurig, denn ich wusste, es war bald soweit für immer Abschied von ihnen zu nehmen. Ich setzte mich zu ihnen auf das Feld und streckte meine Beine dem Himmel entgegen und begutachtete meine Füße. Sie waren klein und krumm, doch ich mochte sie sehr, denn sie konnten mich dort hinbringen, wo immer ich auch sein wollte. Eine leichte Sommerbriese wehte durch mein langes, blondes Haar.
Mit meinen Händen grub ich gedankenverloren Löcher in die Erde und meine Augenlider wurden schwer wie Blei. Ich schien in einen tiefen Schlaf versunken zu sein, aus dem ich nicht mehr aufwachte. Die Hasen liefen zurück nach Hause und alarmierten meinen Vater und das ganze Dorf, dass ich noch im Feld lag und mich nicht mehr bewegte. Ein Suchtrupp fand mich regungslos da liegen und ein starker Holzfäller trug mich nach Hause. Drei Tage lang lag ich im Koma und die meisten hatten schon die Hoffnung um mich aufgegeben, zu guter Recht, denn ich war gestorben ohne es zu merken, aber ich träumte auf meiner Reise in den Himmel einen furchtbaren Alptraum.
Er stand auf einem alten Holzhocker und strich die Wand grau an.
Seine Arme waren schon ganz taub von der eintönigen Bewegung des Pinsels, so wie ich es leid war ihm dabei zu zusehen. Ich hatte schon so lange von hier weg gewollt, in ein neues Leben angefangen in einer neuen Stadt, doch als Bauernmädchen gibt es nicht viele Wege, die man gehen kann.
Es war erschreckend und unheimlich zu sehen, dass mein Leben so vorherbestimmt war und ich wenig daran ändern konnte, da die Gesellschaft es kaum zuließ aus mir einen besseren Menschen zu machen. Sie hätten nicht verstanden, dass ich größere Träume träumte und mir anderes vom Leben erhoffte. Ich wäre eine Schande für das ganze Dorf gewesen, wenn ich sie im Stich gelassen hätte um eine berühmte Schauspielerin oder vielleicht eine erfolgreiche Ärztin zu werden. Sie fanden es schlichtweg lachhaft.
Ich sah zum ersten mal klar und sah die Dinge genauer, leider musste ich dazu erst sterben um mir dessen bewusst zu werden, dass ich nie richtig gelebt hatte.
Immer tat ich das, was andere von mir verlangten und erwarteten.
Ich hätte Peter, denn Nachbarsjungen heiraten sollen und für meine Altersvorsorge viele Kinder gebären sollen. Was für eine Ungerechtigkeit.
Ich ging hinüber zum Hasenkäfig und wollte die beiden Geschwister streicheln, doch sie bissen mich in den Finger. Er blutete leicht.
Zaghaft leckte ich mir das Blut vom Finger und schluckte hart, weil ich den metallischen Geschmack nicht besonders ansprechend fand und er auf meiner Zunge schwer haftete.
Ich wurde sauer, denn war ich nicht diejenige gewesen, die ihnen tagtäglich ihr Fressen gab und ihren Stahl sauber machte?
Ich nahm sie heraus und setzte sie in eine alte Blechwanne zur Strafe, damit sie über ihr Fehlverhalten nach denken konnten, dabei vergaß ich, dass es nur hilflose Hasen waren.
Ich ging hinaus in den Garten, die Luft war eisig und ich fror bitterlich. Es war bereits Winter geworden und die Sonne ging schon am frühen Nachmittag unter und kam erst wieder zum Vorschein, wenn der Morgen anbrach.
Ich starrte in die Dunkelheit und begriff, dass sie mein ständiger Begleiter sein würde. Ich konnte es in mir fühlen, wie mein schlagendes Herz, dass immer schwächer und schwächer wurde.
Da riss mich eine männliche, tiefe Stimme aus meinen Gedanken.
Es war nicht mein Vater, sondern Tom.
Er war der Arzt in unserem Dorf und kam mich zweimal die Woche besuchen. Darauf freute ich mich immer besonders, denn er brachte mir immer Süßigkeiten vom Becker mit. Er war ein guter Arzt und irgendwo auch ein wenig mein großes Vorbild, weil er Menschenleben retten konnte, was andere nicht zu schaffen vermochten. Er wollte ein Heilmittel gegen die Pest erfinden, um so die armen Seelen zu heilen und diese Seuche auf der Welt auszulöschen. Er war ein großer Mann, nicht nur optisch gewesen. Seine schwarzen Haare waren kurz geschorren wie bei einem Schaf. Die Leute hatten oftmals Angst vor ihm, denn er sprach in verwirrenden Sätzen, die das dumme Volk fürchtete, da sie es nicht verstanden.
Er hatte ein großes Haus am Ende des Hügels und besaß viel Geld. Eine Frau hatte er jedoch nicht, genauso wenig wie Kinder.
Vielleicht hatte er all das für seinen Beruf aufgeben müssen. Ich weiß es nicht!
Er grüßte mich herzlich, kniete sich in den Schnee und legte seine Hand auf meine Stirn.
Du siehst immer schlechter und schlechter aus, aber ich kenne kein so junges Mädchen wie dich, dass so gut damit umgeht wie du.“ er legte eine Pause ein und seufzte schweren Herzens „ Lass uns hinein gehen in die warme Stube zu deinem geliebten Papa. Das Essen wird denk ich auch schon fertig sein.“


Teil 2


Im Wohnzimmer loderte eine kleine Flamme im Kamin, an der wir uns die Hände aufwärmten. Das Licht warf einen seltsamen Schatten auf die grau gestrichene Wand. Er war groß, schmal und unheimlich, so als ob er die Figur eines mageren Menschen besaß. Seine langen schmierigen Hände glitten über meinen Kopf hinweg und seine riesigen Fingernägel wirkten auf mich wie bedrohliche Krallen, so sehr, dass ich vor lauter Angst zusammen zuckte und meine Augenlider fest zusammen kniff.
Tom rüttelte mich aus meinem Angstzustand zurück in die Realität und hielt mir eine Schüssel mit köstlicher, selbstgemachter Kartoffelsuppe unter die Nase. Der Geruch war einfach köstlich. Eigentlich verspürte ich keinen Hunger, der Appetit hatte mich schon vor geraumer Zeit verlassen, aber ich musste etwas zu mir nehmen um normal zu wirken, sodass keine Gerüchte im Dorf verbreitet wurden, meines Vaters zur liebe tat ich all das.
Nach drei Löffeln war es mir bereits zu viel und merkte wie mein Magen rebellierte. Ich ließ meinen Vater und Tom vor dem wärmenden Feuer sitzen und rannte ohne jegliche Vorwarnung davon.
Wie lange habe ich noch mit ihr?“ fragte mein Vater schweren Herzens, obwohl er die entscheidende Antwort lieber nicht hören wollte.
Er legte die Stirn in tiefe Falten und atmete schwer, sein langer Bart ging rauf und runter wie ein Schiff auf hohen Wellen. Er wagte es kaum Tom auch nur anzusehen, also stellte er sich direkt vor die trostlose Wand und wartete darauf, dass sie eine andere Farbe annahm.
Es mag albern klingen, aber für ihren Vater wäre es ein Zeichen Gottes gewesen, wenn sich irgendwo auf der Wand ein weißer Fleck noch befand, der ihm einen Schimmer Hoffnung schenkte oder ein schwarzer Schmutzfleck, der ihm das Teuerste in seinem Leben stahl.
Da fiel Toms Urteil und der Vater sah nichts mehr, sondern hörte nur noch die leeren Worte.
Du wirst sie ein Leben lang an deiner Seite haben. Sie wird dir niemals entrinnen oder dich verraten, selbst wenn sie eines Tages nicht mehr da ist wird sie dich in Gedanken immer begleiten.“
Während dessen rannte ich so schnell wie möglich in das Badezimmer um mich zu übergeben. Ich machte Halt vor dem Spiegel und sah in mein Schweißgebadetes Gesicht, welches geschmückt war mit dunklen Adern, die unter meiner weißen Haut hervorblitzen und den dunklen Rändern unter meinen Augen. Ich war noch ein Kind, aber ich wusste eine Achtjährige hatte nicht so zu aussehen. Ich sah zum ersten mal ganz klar, so klar wie ich es vorher nie getan hatte.
Ich kotzte mir die Seele aus dem Leibe und wartete darauf, dass es aufhörte.
Ich wischte mir den kleinen rosigen Mund mit einem Handtuch ab und warf es unbedacht in die Waschtrommel. Doch da hörte ich plötzliches Gelächter, nicht weit von mir entfernt. Ihre Stimmen waren mir gänzlich fremd doch es waren zwei.
Leise schlich ich die Treppe hinauf in mein Kinderzimmer und da sah ich sie.
Sie badeten in schwarzen, schmutzigen Wasser und waren auf einmal gar nicht mehr so süß, wie ich sie in Erinnerung hatte. Oder waren sie nie anders gewesen?
Die beiden Häslein waren grau und hässlich geworden. Keines von den beiden sah mehr nett oder niedlich aus, dem einen hing sogar der Augapfel aus der Höhle und das andere hatte gefährliche Zähne. Sie lachten lauter und lauter, doch niemand außer mir schien sie zu hören.
Mein Kopf drehte sich um mich herum und immer zu würgte ich bei diesem Anblick wie sie in schwarzen, abartigen Wasser ein genüssliches Bad nahmen.
War ich nun verrückt, todkrank oder einfach nur blind gewesen mein ganzes Leben lang?
Draußen war alles zugefroren und leise rieselte der Schnee in Strömen über das verschneite Tal.
Das Kaminfeuer erlosch und alles um mich herum war dunkel.
Er stand auf einem alten Holzhocker und strich die Wand neu an.
Seine Arme waren schon ganz taub von der eintönigen Bewegung des dickborstigen Pinsels.
Die Decke war nicht besonders hoch, denn das Dachgeschoss war klein und somit das perfekte Zimmer für mich. Er zog seinen Kopf etwas ein um sich nicht an ihr zu stoßen, denn auch mein Vater war ein großer Mann, auch wenn man es ihm auf dem ersten Blicke nicht genau ansah.


Teil 3


Ich starrte aus dem Fenster meines Zimmers.
Der Herbst war bereits ins Land eingezogen, die Sonne ging früher unter und der Wind wurde kalt und stürmisch.
Wie ein kleines Kind ohne Sorgen erfreute ich mich an den schillernden Farben des Laubes am Boden. Wie gerne wäre ich in diesem Haufen versunken und hätte den Duft der Blätter tief in mich aufgesogen. Früher war ich in dem Glauben, dass der Baum seine Blätter verlor, weil er vielleicht schrecklich krank war, doch jetzt wusste ich, er bereitet sich nur intensiv auf ein langes Nickerchen vor. Der Baum und ich waren uns ziemlich ähnlich, vielleicht sogar Seelenverwante, denn auch ich verlor meine Haare jedes Jahr ein wenig mehr und mehr und wurde immer müder und müder. Den Frühling habe ich nicht mit bekommen, denn ich hatte immer zu geschlafen.
Ich ging in einen anderen Raum des Hauses, der Raum in dem meine zwei geliebten Hasen ruhen, fressen und leben. Manchmal machen sie tierischen Krach, vor allem nachts, dann wenn alle schon längst in ihren Betten lagen, tief und fest schlafen. Ich nahm eines heraus und setzte es behutsam auf meinen Schoß. Langsam streichelte ich ihm über den Kopf, wobei es verträumt seine Augen schloss und in regelmäßigen Stößen atmete. Es war so weich und zerbrechlich.
Ich war neidisch, vor Hass erfüllt und vor Eifersucht verrückt geworden.
So packte ich das arme Tier und brach ihm das Genick.
Das andere saß nichts ahnend in seinem Stall und glotze ins Nichts und Nirgendwo.
Auch dieses war wunderschön und lag mir sehr am Herzen, doch was hatte das für einen Sinn, wenn die Dinge, die ich so sehr liebte mich eines Tages ohnehin verlassen würden? Nein, es war falsch von mir, denn ich würde sie verlassen und auf dieser grausamen Welt zurück lassen.
Ich weiß nun, dass mein Schicksal besiegelt ist, denn der nette Arzt kam jeden Tag zu Besuch und sah nach mir. Er war schon so etwas wie ein großer Bruder für mich geworden, da er mir jedes mal etwas zum naschen mit brachte. Am meisten schmeckt mir Lakritze, auch wenn sie viele nicht ausstehen können, hatte es doch einen so besonderen Geschmack, den man niemals vergaß.
Ich ging hinauf in das Dachgeschoss zu meinem Vater.
Er strich und strich, doch die Wand nahm niemals Farbe an. Zu dumm, dass er es selbst nicht sehen konnte, dass all seine Bemühungen vergebens waren.
Da stand ein leerer Behälter in einer der grauen Ecken. Ich nahm ihn mit in den anderen Raum und legte behutsam das kalte, steife, regungslose, tote Häschen hinein und ging hinaus in den Garten. Es war frisch geworden, doch die Kälte störte mich nicht weiter. Ich schloss die Augen und genoss den Geruch der frischen Natur. Von weitem sah ich Tom kommen.
Er lief den Kieselsteinweg zu unserem Haus entlang, in der Hand seinen Doktorkoffer in der anderen eine Lakrizstange für das Leckermäulchen.
Ich musste mich beeilen, denn ich wollte dabei alleine sein, es musste schnell über die Bühne gehen.
Doch ich nahm mir eine halbe Ewigkeit Zeit dem Hasen, den ich mit bloßen Händen getötet hatte ein schönes, würdiges Grab zu errichten. Ich vergrub es in der feuchten Erde und legte die schönsten und buntesten Blätter darauf.
Ruhe in Frieden, mein Freund.“ ich faltete die Hände zusammen.
Das waren meine letzten Worte, die ich mehr zu mir selbst flüsterte als zu Tom der mich bereits in den Armen hielt, nach meinem Vater schrie und hoffte ich würde noch einen kurzen Augenblick durchhalten.
Ich versank im nassen Laub, ließ den Kopf in den Nacken sinken und sah nur schwarz. Da war rein gar nichts, alles dunkel. Doch als ich starb verspürte ich eine Wärme in meinem Herzen und eine Befreiung meiner Seele, sodass ich vor Glück eine einzige Träne weinte, die Augen schloss und ein letztes Mal daran dachte, dass auch mein Vater erlöst wurde und vielleicht würde er eines Tages mutig sein, die Farbe der Wand blau zu streichen.



Und hier sind die Links zu den Leseproben auf der Facebook-Seite der Autorin:

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